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  • ruthknaup

Warum das Lernen im Alter in Wirklichkeit leichter wird!


Gemeinhin wird ja behauptet, je älter wir werden, desto aufwändiger sei es, etwas Neues zu erlernen. Früher glaubte man gar, es sei geradezu unmöglich: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, hieß es. Heute weiß man, dass die Plastizität des Gehirnes niemals endet. Trotzdem höre und lese ich oft, die Lernprozesse seien bei Erwachsenen viel langwieriger und kräftezehrender, während Kinder und Jugendliche so „mühelos“ lernten.

Rein subjektiv kann ich das überhaupt nicht bestätigen! Ich werde im September fünfzig Jahre alt und habe in den letzten drei Jahren drei Dinge neu erlernt bzw. wieder erlernt: Windsurfen, Reiten und Klavier spielen. Gesurft habe ich vorher noch nie im Leben, geritten bin ich zuletzt als 15 Jährige und das Klavier war mir ebenfalls Neuland.

Während ich als Kind oder Teenager jedes Üben als drückende Pflichterfüllung empfunden habe, tue ich es jetzt tatsächlich „intrinsisch motiviert“, wie es in der Pädagog/innen-Sprache heißt. Ich übe, weil es mir Spaß macht.

Auch habe ich - im Gegensatz zu früher - kein Problem mehr damit, gelegentlich zu scheitern. Ich kann beim Surfen fünf mal hintereinander vom Brett fallen, und mich über mich selbst schlapp lachen. Ich kann auch mal einen Wutanfall im Wasser kriegen, wenn gar nichts mehr klappt – aber ich habe dann beim nächsten mal trotzdem von mir aus Lust, wieder aufs Brett zu klettern. Niemand muss mich dazu nötigen.

Als Teenager befürchtet man ja ständig, sich vor irgend jemandem zu bloßzustellen. So hatte ich auch jede Woche das peinigende Gefühl, mich vor meinem Gitarrenlehrer zu blamieren. Entweder, weil ich zu wenig geübt hatte, oder, weil ich mich nicht traute, ihm zu sagen, wenn mir die Stücke nicht gefielen, oder weil ich mich schämte für meine eigenen musikalischen Vorlieben und ersten kleinen Kompositionen.

Jetzt, als Erwachsene, teile ich meiner Klavierlehrerin gleich zu Beginn der Stunde völlig ungerührt mit, wenn ich nicht geübt habe. (Was allerdings selten vorkommt.) Wenn es nun mal so war – so what?! Dann bekommt sie ihr Geld eben dafür, dass sie den gleichen Kram noch einmal wiederholt mit mir, oder dass wir das Stück erstmal einmotten und etwas Neues anfangen. Na und?! Auch sage ich ihr jetzt sofort, wenn mich ein Stück nicht reizt, oder ich halte ihr nach langem angestrengtem Arbeiten an einem klassischen Stück in der nächsten Stunde ganz frech „Dreamer“ von Ozzy Osbourne unter die Nase und bitte darum, dass sie eine schöne Klavierbegleitung dazu mit mir erarbeitet, weil ich DIESES Stück jetzt machen will – auch wenn es noch so profan ist!

Ich muss niemandem etwas beweisen, das ist so wohltuend.

Bei meinen ersten zwei Reitstunden nach dreißig Jahren sind wir einfach bloß seelenruhig im Schritt am Strand entlanggeritten. Herrlich war das! Wozu sich auch beeilen? Mein Reitlehrer im nächsten Urlaub war dann ein Ex-Soldat mit eigentümlichem Hang zum Sadismus. Ein wirklich furchtbarer Pädagoge, der die Jüngste aus unserer Gruppe regelmäßig zum Weinen brachte. Mir waren seine sarkastischen Sprüche vollkommen schnuppe. Ich fragte nach, wenn ich etwas nicht verstand, folgte seinen Anweisungen, so gut ich konnte, und wenn ich das nicht schaffte, lachte ich in mich hinein. Ich dachte: Du Depp, du kannst mich mal. Ich lerne hier, solange es mir Spaß macht, und wenn`s mir zu doof wird, bin ich eben weg.

Diese innere Freiheit des künstlerischen oder sportlichen Lernens aus freien Stücken habe ich als Kind oder Teenager nie gespürt. Jetzt denke ich: Viel zu oft hat mich da die Angst vor Blamagen abgehalten von dem, was ich wirklich wollte. Statt mir klar zu machen, dass meine Lehrer/innen dafür bezahlt werden, dass ich mich weiterentwickle und Spaß habe, fühlte ich mich, als müsse ich deren Erwartungen erfüllen, damit die sich besser fühlen. Damit habe ich letztlich keinem einen Gefallen getan, am wenigsten mir selbst.

Ach, wie schön ist es doch, erwachsen zu sein! Ich kann im Schneckentempo am Strand entlangreiten, statt in der Reitbahn verbiestertes Gangartentraining zu absolvieren, ich kann Schumann oder Osbourne klimpern je nach Laune und kann lustig auf meinem Surfboard herumstümpern bei Leichtwind, ohne dass mich im Entferntesten juckt, was der supercoole junge Surferprofi neben mir davon wohl hält.

Junge Menschen lernen angeblich schneller? Mag ja sein, aber haben sie auch mehr SPASS dabei?! Glaub ich nicht!

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