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Dankbarkeit als Heilung- oder Zumutung

Kurz vor Weihnachten 2020 erhielten wir einen Brief von unserer Superintendentin. Es war der Brief, in dem uns mitgeteilt wurde, dass alle Weihnachtsgottesdienste ausfallen.

Unsere Superintendentin ist eine kluge Frau, die ich bewundere. Mit diesem Brief aber hat sie mich so RICHTIG auf dem falschen Fuß erwischt. Dort stand - neben dem Bedauern über die Umstände - zu lesen, dass es doch aber auch schön sei, endlich mal eine wirklich STILLE Christnacht genießen zu können. Zwischen den Zeilen schwang: dafür kann man doch auch mal dankbar sein.

Ritsch-ratsch hab ich den Brief zerrissen und schwer atmend ins Altpapier gestopft. Ich hatte den endgültigen Dankbarkeits-Kurzschluss.

Liebe Leute, in dieser Pandemie haben tausende Menschen Angehörige verloren und hunderttausende ihre Arbeit. Schwerstkranke verkümmern einsam wegen des Besuchsverbots in den Krankenhäusern. Kinder und Jugendliche müssen zuhause eingesperrt vor sich hinvegetieren. Manche haben gar nichts mehr, was ihr Leben noch ein klitzekleines bisschen fröhlich, gesellig oder abwechslungsreich machen könnte. Sehr viele Menschen standen vor der Situation, zu Weihnachten (Fest der Liebe) ihre gerade erwachsenen Kinder oder ihre alten gebrechlichen Eltern ausladen zu müssen.

All dies sind gute Gründe, miteinander zu trauern. Uns gegenseitig unser Mitgefühl auszusprechen, unserer Fassungslosigkeit und Ohnmacht Ausdruck zu verleihen. Aber es ist ganz bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, seinen Mitmenschen "Dankbarkeit" abzuverlangen.

Dieser Missbrauch des Dankbarkeitsbegriffes greift ja schon länger um sich. Und dabei ist die zweifelhafte Benutzung der Dankbarkeit als schale Durchhalteparole (wie in dem Brief) sicher noch die harmlosere Variante.

Ebenso wie "Achtsamkeit" ist "Dankbarkeit" eine Attitüde der Privilegierten geworden, eine Art psychologisches Modewort, das sich wie klebriger Zuckerguss über alles drüber gießen lässt. Das führt zu den grausamsten Auswüchsen, wenn gar Menschen mit einer Krebsdiagnose geraten wird, doch dankbar anzunehmen, was die Krankheit sie lehren will. Sorry, aber solches Dankbarkeitsgelaber ist eine ungeheuerliche Zumutung für die Betroffenen. Weder sollte man jemals irgend jemanden zur Dankbarkeit "auffordern", noch muss man seine eigene Dankbarkeit demonstrativ vor sich hertragen wie eine spirituelle Trophäe.

ECHTE Dankbarkeit ist eine Haltung spiritueller Demut - und hat seine Wurzeln in tief empfundenem Mitgefühl mit jenen, die es nicht so gut getroffen haben. Demut, weil wir respektieren, dass wir unser Schicksal eben NICHT ganz und gar selbst in der Hand haben, sondern uns bestimmte Privilegien ganz und gar unverdient zugefallen sind - ebenso, wie uns die krassesten Tiefschläge unverdient treffen.

Mit dem Gerede von der Dankbarkeit versuchen wir alle gerade gerne, uns einen kleinen Heiligenschein selbst zu basteln. Einen, der möglichste hell leuchtet. Damit es die anderen blendet. Aber wisst ihr was? Dieses Blenden, das tut anderen weh in den Augen. Es schmerzt sie. Lasst es einfach. Danke!




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