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  • ruthknaup

Klavierspielen gegen den Corona-Blues


Mitte November 2020 hatte mein Corona-Blues einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Die meisten Seminare für den Herbst waren nun auch noch abgesagt worden. Die "zweite Welle" walzte alle Hoffnung auf baldige Besserung der Situation platt wie eine Flunder. Der Garten war nur noch ein graubraunes Etwas, das beim besten Willen keine sinnvolle Beschäftigung mehr hergab. Ich hatte gefühlt bereits Jahre nur noch mit Lesen verbracht und konnte langsam keine Bücher mehr sehen. Eines Vormittags saß ich auf dem Sofa und fühlte mich, als würde ich dort jetzt einfach für immer sitzen bleiben. Es gab einfach keinen Grund mehr, mich zu bewegen. Und während ich so dumpf vor mich hinstarrte, sah ich plötzlich das Klavier. Es steht dort schon die ganze Zeit. Früher hat die Tochter meines Partners darauf gespielt - aber das war lange vor meiner Zeit, ich gehe hier erst seit knapp drei Jahren ein und aus. Selbst habe ich noch nie Klavier gespielt.

Ich klappte den Deckel hoch, ließ mich auf dem Hocker nieder und drückte Tasten. Alles klang schief und krumm, genau wie in mir drin. Da fasste ich einen Entschluss. Ich griff mein Handy, googelte "Klavierstimmer" und wählte die erstbeste Nummer. Ja, der nächstmögliche Termin, 11.12., Preis völlig akzeptabel. Zwei Tage später hatte ich (per Ebay-Kleinanzeigen!) auch eine Klavierlehrerin gefunden.

Ich liebe meine Klavierlehrerin. Nicht nur, weil sie bereit war, auf einem dermaßen grausig verstimmten Instrument meine ersten Gehversuche am Klavier zu begleiten. Sondern auch, weil diese wundersame kleine Frau an mich glaubt. Sie versprüht eine Begeisterung, als sei ihr die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, eine hochbegabte Musikstudentin auszubilden. Dabei konnte ich zu Beginn NICHTS außer Noten lesen! So überfordert sie mich regelmäßig hoffnungslos, und das erstaunliche ist, es macht mir überhaupt nichts aus. Ich kämpfe mich durch, so weit ich komme, und wenn ich mich bei ihr entschuldige für das, was ich nicht geschafft habe, lacht sie schallend, winkt ab und sagt: "Ach, das war doch auch viel zu schwer für dich! Ich bin wirklich eine schreckliche Pädagogin!"

Dabei ist sie genau das Gegenteil. Wie in allen Dingen steht ihre extreme Bescheidenheit in krassem Gegensatz zu ihren Fähigkeiten. Sie hat ein absolut unbestechliches musikalisches Gehör, spielt mit federleichter Anmut und ist ein wandelndes Lexikon der Musiktheorie. Vor allem aber LIEBT sie Musik. Es strahlt ihr aus jeder Pore.

Und damit hat sie mich nun angesteckt. Endlich mal eine POSITIVE Ansteckung.

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