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  • ruthknaup

Mein Sohn, die Impfgegner/innen und ich

Als ich gestern Abend meinem 18-Jährigen Sohn erzähle, dass ich ab jetzt einen Blog schreibe, ruft er entgeistert: "WAS?!". Für einen süßen Moment hoffe ich, er ist beeindruckt von der Fortschrittlichkeit seiner Mutter. Dann fügt er hinzu: "Blogs schreibt doch seit bestimmt 2014 kein Mensch mehr! Heutzutage macht man Videos oder Podcasts!"

Anschließend diskutieren wir mal wieder über die Impfgegner/innen.

Seit mein Sohn das Alter erreicht hat, in dem junge Männer nichts weniger wollen, als über persönliche Themen mit IHRER MUTTER zu sprechen, reden wir häufiger über Politik. Was gar nicht schlecht ist! Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung meiner Generation, dass seine Generation bereits final vor dem Bildschirm verblödet sei (digitale Demenz u.s.w.), hat mein Sohn ein reges Interesse an politischen Themen. In vielem sind wir uns sogar einig. Im Umgang mit Impfgegner/innen jedoch nicht.

Mein Sohn findet, das sind alles irregeleitete Spinner/innen und Fanatiker/innen, deren Vorbehalte gegen die Corona-Impfung überhaupt nicht wissenschaftlich begründet seien. Und mit ihrer Weigerung, sich impfen zu lassen, stellten sie eine Gefahr für unsere Gesellschaft dar. Mit dieser Meinung steht er ja keineswegs alleine da.

Nur: in meinem persönlichen und beruflichen Umfeld befinden sich so einige Menschen, die der Impfung äußerst skeptisch gegenüberstehen. Menschen, die ich schätze, und die für ihre subjektive Einschätzung der Impfrisiken Gründe anführen, die ich zwar nicht teile, aber nachvollziehen kann.

"Ja, ja,..." ruft mein Sohn dann. "Du kennst halt viele so Heiler und Esoteriker..." Er findet, ich müsse die jetzt bekehren. Mit wissenschaftlichen Argumenten.

Und genau das finde ich NICHT.

Mir geht nämlich das ewige sich gegenseitig zur "Wahrheit" bekehren wollen seit Beginn der Pandemie zunehmend gründlich auf die Nerven. Weil es immer verbunden ist mit einem sich über andere erheben: Meine Meinung ist die richtige, und deine ist GEFÄHRLICH.

Ist es nicht seit jeher das Kennzeichen einer pluralistischen Gesellschaft gewesen, dass es naturgemäß unterschiedliche Interessen, Meinungen und Bedürfnisse gibt? Und dass das Einschätzen von Risiken individuell sehr unterschiedlich ausfällt? Manche sitzen jetzt alleine im Auto- mit Maske. Gut, wenn sie sich so sicherer fühlen, bitte. Andere fürchten sich vor den Nebenwirkungen einer neuen Impfung.

Ich bin doch einigermaßen verblüfft darüber, wie mühelos jetzt viele junge Linke (zu denen mein Sohn sich zweifellos zählt) eine Impfpflicht fordern: Ein außer Kraft setzen des Grundrechtes auf körperliche Unversehrtheit. Ist das wirklich notwendig? Er findet: ja. Ich finde: erstmal nein. Mir ist dieses Grundrecht heilig. Und zwar unabhängig davon, dass ich persönlich mich sofort impfen lassen will, sobald es geht. Ich möchte auch keine "indirekte Impfpflicht", die dann die Ungeimpften vom öffentlichen Leben ausschließt, indem ihnen der Zutritt verweigert wird.

Mir liegt sehr am Herzen, dass unsere Gesellschaft sich nicht noch weiter spaltet. Lasst uns doch einfach zügig und unbürokratisch erstmal alle durchimpfen, die das wollen. Dann können jene, die jetzt noch skeptisch sind, sich davon überzeugen, dass keine gravierenden Nebenwirkungen auftreten, und sich dann entscheiden.

Das findet mein Sohn natürlich viel zu lasch. Pah, der soll sich lieber freuen: dann kommt er selber schneller dran.



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