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  • ruthknaup

Mobilität in der Eiszeit

Eigentlich sollen wir ja sowieso alle zuhause bleiben, statt zu reisen.

Am besten bis wir geimpft sind, also Ende des Jahres 2021, mindestens aber bis der Lockdown vorbei ist, also irgendwann nach Ostern. Alle, die hochbetagte Eltern haben, die weiter weg wohnen, sollen diese keinesfalls besuchen. So kann man dazu beitragen, dass die alten Menschen in der Zwischenzeit zwar vielleicht vereinsamen und sterben, dies aber coronafrei tun.

Spaß beiseite. Ich habe eine über achtzig jährige Mutter in Hessen, die ich seit Monaten nicht gesehen habe und der es nun gesundheitlich nicht gut ging. Es war mir zu riskant, noch länger zu warten.

Aber wie hinkommen? Da mir lange Autofahrten im Allgemeinen und deutsche Autobahnen im Besonderen ein Greul sind, stieg ich in die Bahn. Gut, sechs Stunden mit medizinischer Maske, das ist kein Spaß. Aber der ICE war wirklich leer, andere Fahrgäste nicht einmal in Sichtweite, da konnte man zwischendurch schon mal gemütlich seine Stulle essen ohne Gesichtsbedeckung.

Meine Mutter freute sich riesig. Damit wir vor Ort auch mal einkaufen oder zum Friedhof fahren können, hatte sie von ihrer ehemaligen Werkstatt ein Auto geliehen, einen quietschroten Fiat Panda. Cooles Auto. Allerdings nur bei näherungsweise italienischem Wetter. Nicht bei Minus 10 Grad und Schneesturm (ab Samstag), da fühlt sich das Auto wie eine leere Colabüchse auf Rädern an.

Leider geht es meiner Mutter dann am Sonntag gesundheitlich schlechter. Sie hat Bauchschmerzen. Montag Morgen verordnet die Ärztin nach einem Telefonat: einen Coronatest. Wir sind ziemlich verblüfft.

Das Ganze soll so ablaufen, dass ich meine Mutter am Dienstag Morgen mit dem Auto ins Nachbardorf fahre, wo die Ärztin praktiziert. Dort sollen wir vor dem Haus warten und anrufen. Dann kommt die Ärztin im Vollschutz herunter und nimmt meiner Mutter den Test ab. Soweit so gut. Aber mit einer über achtzig jährigen, die sich kaum auf dem Beinen halten kann, in einem Fiat Panda über vereiste Straßen bei Minus neun Grad? Und dann im Auto warten? Allein bei dieser Vorstellung bekomme ich auch Bauchschmerzen.

Ich bitte die Nachbarin um Hilfe. Eine unglaublich nette Frau meines Alters, die sich oft rührend um meine Mutter kümmert- und zudem ein großes, gut beheizbares Auto hat. Am nächsten Morgen rollen wir zu dritt ins Nachbardorf. Alles klappt, Gottseidank. Leider stellt sich dann heraus, dass es sich nicht um einen Schnelltest handelt: wir sollen jetzt 1-2 Tage auf das Ergebnis warten.

Eigentlich wollte ich am Dienstag Morgen schon zurück gefahren sein. Das kann ich mir sowieso abschminken, denn: es fahren noch immer keine Züge. Für Samstag und Sonntag hatte die Bahn das ja angekündigt. Am Montag aber gibt es auch noch keinen funktionierenden Zugverkehr zwischen Frankfurt am Main und Berlin. Am Dienstag auch nicht. Am Mittwoch kommt dann das Testergebnis: negativ. Niemand ist sonderlich erstaunt. Trotzdem Erleichterung. Meiner Mutter geht es inzwischen viel besser.

Nur: Züge verkehren noch immer nicht. Sie fahren entweder gar nicht erst los in Frankfurt, bleiben auf den Umleitungsstrecken liegen oder stranden in Hannover für mehrere Stunden. Die kalkulierten Fahrtzeiten betragen zwischen 7,5 und 13(!) Stunden. Alles nachzulesen in der BahnApp.

Ich stelle mir vor, wie es ist, bei zweistelligen Minusgraden auf einem Bahnsteig zu warten für ein oder zwei Stunden. Denn: es gibt keine Orte, wo man sich aufwärmen könnte. Geschäfte, Cafes, Restaurants, alles ist geschlossen – Lockdown. Im Fernsehen verkündet die Bahn vollmundig, 95% des Zugverkehrs würde wieder rollen. Sehr lustig. Nur nach Berlin, da rollt nach wie vor nichts.

Schließlich reißt mir der Geduldsfaden und ich buche einen Flug für Freitag Morgen. Das klappt wie am Schnürchen. Mit gerade einmal 20 Minuten Verspätung lande ich am neuen BER. Nach 50 Minuten Flug. Ehrlich, ich WOLLTE ökologisch verantwortungsbewusst reisen. Aber es war mir nicht vergönnt.

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