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  • ruthknaup

Warum eine Pandemie keine "Auszeit" ist

Was mich in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie am meisten fertig gemacht hat, war die allgemeine Erwartung, ich müsse den abrupten Verlust meiner Arbeit mit Gruppen nun als "Auszeit" genießen. Täglich ergingen sich auf Radio Eins interviewte erfolgreiche Künstler/innen in regelrechten Schwärmereien, wie KREATIV sie jetzt plötzlich seien, wie GUT Ihnen die plötzliche Ruhe täte, ja, wie DANKBAR sie sich sich fühlten, dass es Ihnen so gut gehe.

Nur mir schien das nicht zu gelingen. Mir brach das Herz, als im Laufe des 13.März 2020 klar wurde, dass meine Arbeit auf unabsehbare Zeit nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Ich liebe meine Arbeit mit Gruppen. Und das Herz dieser Arbeit ist das physische miteinander Agieren, die Begegnung, die kreativen Prozesse. Nichts davon würde online funktionieren, das war mir ebenso klar wie den Veranstaltern meiner Seminare. Meine Arbeit lebt nur durch und mit dem Körper, das ist das, was sie so besonders macht. Diese Arbeit mit Gruppen ist mein Herzenskind, ich habe sie über zwanzig Jahre lang weiterentwickelt. Während des ersten Lockdowns fühlte ich mich wie unter einer Glasglocke von Trauer. Mir blieb die Luft weg. Ach ja, und das Geld.

Und so geht es ja nicht nur mir. Sondern sehr, sehr vielen. Von der Politik wurden wir Solo-Selbstständigen und Künstler/innen ja schon längst abgeschrieben, wir sind der in Kauf zu nehmende "Kollateralschaden". Damit hab ich mich ja schon fast abgefunden.

Aber was mich wirklich schmerzt, ist, wie wenig gesellschaftliche und menschliche Solidarität wir praktizieren. Ja, auch wir selbst. Indem wir, wo immer möglich, nach außen hin das Bild aufrecht erhalten: Also MIR geht es ja noch gut. Also ICH komme ja im Vergleich zu anderen VIEL besser durch die Krise.

Wisst ihr was, Leute? Warum geben wir nicht immer mal ehrlich zu: Es geht mir scheiße. Ich bin niedergeschlagen. Ich vermisse meine Arbeit. Ich kann mich zu nix aufraffen. Ich fühl mich wie der letzte Mensch.

Nein, mit Jammern hat das nichts zu tun. Sondern mit Mut. Mit dem Überwinden der Angst, als einzige/r Verlierer/in dazustehen.

Um uns das zu trauen, kleben wir uns jetzt alle mal einen Zettel an den Spiegel, auf dem steht:

Nein, ich habe meine beknackte Situation NICHT selbst verschuldet.

Ich habe NICHTS falsch gemacht.

Und deshalb es es mir NICHT peinlich, zuzugeben, wie elend ich mich manchmal fühle.

Und jetzt noch drei mal durchatmen.

Da geht´s mir gleich schon etwas weniger mies! Ehrlich!



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